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„Ich wurde am Gartentürchen eingestellt“: Wolfgang Kunzmann, Multitalent bei Gebr. Otto erzählt

Wolfgang Kunzmann ist bei Gebr. Otto verantwortlich für den Honig, den es an Weihnachten einmal als besonderes Schmankerl gab. Seit über 40 Jahren hegt und pflegt er seine Bienenvölker. Aber nicht nur die. Auch bei Gebr. Otto hängt so einiges an Wolfgang Kunzmann: von der richtigen Temperatur in den Dampfkesseln des Kesselhauses bis zum schneefreien Hof im Winter. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist das Multitalent bei Gebr. Otto unterwegs, in zweiter Generation. Wolfgang Kunzmann: „Mein Vater hat beim Otto in der Schlosserei gearbeitet. Darüber hinaus hat er überall mit angepackt, wo Not am Mann war.“

 

Von den Brezeln zur Baumwolle

Kunzmann selbst kam über einen kleinen Umweg in die Dietenheimer Spinnerei und Färberei. „Ich habe Bäcker gelernt, aber dann hat der Betrieb zugemacht und ich war arbeitslos. Das war im Sommer 1985, ich war Anfang 20. Ich hatte also Zeit und habe oft bei meinem Vater im Garten gewerkelt. Der Otto-Betriebsleiter lief dort regelmäßig vorbei, so dass er sich irgendwann bei meinem Vater erkundigt hat, warum ich nicht beim Arbeiten sei. Kurz vor dem Betriebsurlaub kam er zu mir, der Herr Botzenhart und hat gefragt, ob ich beim Otto anfangen wolle. Das wollte ich, schließlich hat mein Vater viel Gutes erzählt. Also hat er mich eingestellt, gleich am Gartentürchen.“ Er wurde damit der Nachfolger seines Vaters. Der verabschiedete sich etwa ein halbes Jahr nach Eintritt seines Sohnes in die Rente. Überhaupt ging Kunzmann Junior direkt ins Inventar über: „Als der Chef, Herr Carl-Heinz Otto, aus dem Sommerurlaub zurückkam, war ich schon mehrere Wochen im Betrieb und eingelernt, als wir uns das erste Mal begegnet sind.“

 

Wärter von Gießen und Kesselhaus

Der Garten, oder besser gesagt die Grünflächen, gehören auch bei Otto ins Hoheitsgebiet von Wolfgang Kunzmann. Er mäht, schneidet Hecken und beseitigt Unkraut. Auch der Gießenbach, der übers Gelände fließt und die hauseigene Turbine zur Stromerzeugung antreibt, obliegt seiner Fürsorge. „Manchmal graben Bisamratten Löcher, da muss man aufpassen, dass man die nicht übersieht. Bei einer Uferkontrolle im Herbst ist mal die Böschung unter mir weggesackt und ich bin im kalten Gießen gelandet.“

Im Winter sorgt Kunzmann dafür, dass der Schnee geräumt ist, noch bevor die Kollegen zur Arbeit kommen. Seine Frühschicht im Kesselhaus beginnt bereits um fünf Uhr. Dort steht der Dampfkessel, der Dampf und Heißwasser aufbereitet, das in der Garnfärberei zum Einsatz kommt. Außerdem werden mit dem bis zu 80 Grad heißen Wasser die hausinternen Heizkörper betrieben. Zur Arbeit im Kesselhaus gehört viel Umsicht: „Wenn was kaputt geht, entweicht sofort der heiße Dampf, was nicht ganz ungefährlich ist.“ Zu gefährlich ist Kunzmann sowieso wenig: Er steigt auf Dächer und repariert und wartet überall dort, wo eine geschickte Hand gefragt ist.

 

„Ein treuer Mensch, in alle Richtungen“

Noch länger als die Verbindung zu Otto währt Wolfgang Kunzmanns Beziehung zu seinen Bienen. Auch zu denen kam er bereits als junger Mann – ebenfalls auf nicht ganz direktem Wege: „Unser Nachbar, ein Imker, hatte sich ein Bein gebrochen. Deshalb konnte er nicht selbst in den Baum steigen, um ein geschwärmtes Bienenvolk einzufangen. Also bin ich mit der Schwarmfangkiste die Leiter hoch, in voller Schutzmontur. Ich bin ziemlich nah an den Schwarm rangekommen, aber dann habe ich mich mit einem Arm am Ast verhakt, so dass die Kiste gekippt und auf den Boden gefallen ist, direkt vor den mit dem Gips. Die Bienen natürlich raus, in alle Richtungen! Ich hatte Panik, versuchte schnell die Leiter runterzukommen. Dabei habe ich mir den Schleier vom Kopf gerissen. Himmel, sind wir von den aufgeregten Bienen gestochen worden! Danach saßen wir auf einer Treppe und haben uns gegenseitig die Stacheln rausgezogen…“

 

Diese – schmerzhafte – Episode legte den Grundstein für Kunzmanns Beziehung zu Bienen, von der zumindest Kunzmann Senior dachte, sie wäre nicht von Dauer. Sein Sohn kommt nach über vier Jahrzehnten mit seinen Bienen zu einem anderen Schluss: „Ich bin eben ein treuer, loyaler Mensch, in allen Belangen.“