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Otto-Mitarbeiter und Hobby-Imker Kunzmann: „Die Natur arbeitet in Kreisläufen“

Wolfgang Kunzmann; Kesselhauswärter, Handwerker und „Mann für alles“ bei Gebr. Otto ist seit über 40 Jahren als Hobby-Imker aktiv. Er hegt und pflegt rund 16 Bienenvölker. Aus langer Erfahrung weiß er um die Kreisläufe, denen seine summenden Freunde folgen und wünscht sich mehr Bewusstsein für Insekten und ihre Belange. 

 

Seit über vier Jahrzehnten ist die Imkerei Ihr Hobby. Wie kamen Sie dazu?

Zum Imkern bin ich durch einen Jugendfreund gekommen, dessen Nachbar hatte Bienenvölker. Mein Freund und ich, wir sind in den Ferien immer am Fenster gestanden und haben zugeschaut. Irgendwann hat der Imker das Fenster aufgemacht und wir durften rein. Als es zu eng wurde für uns alle in dem Stand, hat er uns eines seiner Bienenvölker geschenkt. So haben wir angefangen.

 

Welche Aufgaben hat man als Imker?

Die Hauptarbeit hat man im Frühjahr. Wenn alles blüht, müssen die Völker soweit auf dem Stand sein, dass sie etwas bringen. Ein Volk, das keine Beute (die Bienenwohnung) füllt, muss ich mit einem anderen Volk vereinigen. Ich brauche starke Völker. Letztes Jahr hat es früh geblüht, im April schon, und wenn man da nicht vorbereitet ist, fehlen einfach Bienen.

Wenn der Honig schleuderreif ist, also erntereif, ist das Bienenvolk auf dem höchsten Stand. Hier kommt nochmal eine Kiste obendrauf, auch voll mit Bienen. So eine Kiste wiegt 15 bis 20 Kilo, mit den schweren Honigwaben. Das sammeln die Bienen vom Frühjahr bis in den Juni zur Honigernte. Die bedeutet dann viel Arbeit, denn ich muss ja die ganzen Waben von 16 Völkern abschleudern.

Im Sommer kann es sein, dass ich Pause habe. Oder der Wald honigt. Das weiß man jetzt noch nicht.

 

Was bedeutet denn „wenn der Wald honigt“?

Wenn der Wald honigt, sammeln die Bienen für die Herstellung von Waldhonig nicht den Nektar von Blüten, sondern Honigtau. Dieser wird von Lachniden erzeugt, das sind Läuse, die die Fichtentriebe anbeißen und den austretenden Saft lecken. Das, was die Läuse ausscheiden, sind Zuckerstoffe – und das sammeln die Bienen. Es gab schon manche Sommer, manche Völker, die haben in zehn Tagen zwei Kisten mit dem Waldhonig gefüllt. Der ist dunkler und schmeckt malziger, während der Blütenhonig, wie der Name schon sagt, mehr nach Blüten schmeckt.

 

Die „Honigernte“ fängt also im Juni an. Wie läuft das genau ab?

Die Bienen machen die Waben voll mit Nektar. Das Wasser, das im Nektar drin ist, müssen die Bienen wegschaffen. Dazu lecken sie den Nektar aus den Zellen aus und geben den immer weiter. Dadurch wird der eingedickt, solange, bis der Wassergehalt unter etwa sieben Prozent liegt. Dann verschließen die Bienen die Waben mit einem Wachsdeckel. So kann kein Wasser mehr rein, der Honig bleibt haltbar. Kommt Wasser rein, kann er anfangen zu gären.

Der Honig ist erntereif, wenn etwa drei Viertel der Waben mit einer Wachsschicht überzogen sind; wir nennen das verdeckelt. Die Wachsschicht mache ich ab, mit einem Kamm, so eine Art länglicher Gabel, so dass die offenen Zellen rauskommen. Die werden geschleudert. Den Honig, den ich so gewinne, filtere ich nochmal, damit keine Wachsteilchen drin sind. Dann wird gerührt, bis der Honig feincremig ist und in die Gläser kommt.

 

Die Wachsreste, wären die denn auch genießbar?

Absolut, das wird ja von den Bienen selbst produziert. Das ist durchaus wertvoll. Ich nutze das Wachs beispielsweise, um neue Mittelwände zu bauen. Auch meine Waben schmelze ich regelmäßig ein, um sie für meine eigenen Völker zu verwenden. Da schließt sich ein Kreislauf.

Was ich nicht selbst verarbeite, verkaufe ich, an pharmazeutische Aufbereitungsanlagen oder an einen Imker, der Wachsplatten gießen kann.

 

Wieviel Zeit verbringen Sie mit Ihren Bienen?

Ein Hobby muss man richtig und mit Herzblut betreiben, sonst wird es eine Last. Ich verbringe jeden zweiten Sonntag etwa vier Stunden hier und schaue alle Bienenvölker durch. Irgendwann, wenn die Honigräume voll sind, wird das Volk nämlich schwarmreif, das heißt, es will sich teilen. Dann bauen sie Weichselzellen, das sind die Königinnenzellen. Wenn die verdeckelt ist, dann geht das halbe Volk – und nimmt auch ein paar Kilo Honig mit. Das Volk, das geblieben ist, ist nur noch halb so groß und muss sich wieder aufarbeiten. Deshalb muss man hinterher sein, sonst schwärmen die ganzen Völker und am Ende ist nur noch die Hälfte da.

Manchmal erwische ich einen Schwarm, wenn er schon oben an einem Baum sitzt. Da habe ich eine Schwarmfangkiste, mit der fange ich ihn ein. Viel Zeit hat man dazu nicht: Ab dem Zeitpunkt, an dem der Schwarm hier wegfliegt, weiß er nicht mehr, wo er hergekommen ist. Die Königin versendet eine Duft, die den Bienen quasi das Gedächtnis raubt. Wenn der Schwarm draußen sitzt, wartet er darauf, dass die Kundschafter-Bienen zurückkehren. Die sind etwa drei Stunden unterwegs, um eine neue Bleibe, einen hohlen Baum etwa, zu suchen. Wenn sie zurückkommen, fliegt der Schwarm los – und ist weg.

 

Das Thema Bienensterben ist am heutigen Weltbienentag wieder in aller Munde. Was sind Ihre Gedanken zu diesem Thema?

Hier ist jeder Einzelne von uns am Zug: Das heißt, dass man blühende Gewächse pflanzt und den Rasen nicht so regelmäßig und kurz mäht. Gärten, die so schön aussehen, sind nicht nur für Bienen schädlich, sondern für alle Insekten oder Schmetterlinge. Für die sind schlampige Gärten besser, dort können sie sich vermehren.

Wir Menschen machen viel kaputt und fürchten uns gleichzeitig vor den Insekten. Was schimpfen die Leute, wenn es am Bodensee viele Schnacken gibt. Die werden großflächig vernichtet, weil die Leute sie lästig finden. Dabei haben die ihren Sinn, sind Nahrung für viele andere Tiere, Fische und Frösche zum Beispiel. Wenn es keine Schnacken mehr gibt, haben die weniger Nahrung, manche Arten sterben ganz aus. Der Kreislauf macht die Runde, jetzt sterben schon die Vögel, die Schmetterlinge sowieso.

Ein bisschen Umdenken findet statt, aber das ist noch zu wenig. Viele interessiert das gar nicht richtig; die eingeschweißte Supermarktgurke, die kommt ja trotzdem immer wieder.

 

Hatten Sie denn schon mal eine Schulklasse zu Besuch? Das wichtigste bleibt auch hier wieder Wissen und Bildung …

Ja, Schulklassen habe ich regelmäßig hier. Dann mache ich die Kästen auf und zeige den Schülern die Bienen. Die finden das toll. Aber ich sage auch immer wieder zu den Kindern: „Wenn Dich eine Biene sticht, gehe weg und schimpfe nicht. Bedenke, dass nur Du es bist, der störend hier im Wege ist.“

 

Fotos: Judith Engel für Gebr. Otto

Eine Biene beim Sammeln von Nektar am nahe gelegenen Apfelbaum

Anflug zur Beute (Bienenkasten)

Großes Getummel vor dem Eingang zur Beute

Eine Biene mit gesammelten Pollen an den Hinterbeinen

Großaufnahme einer Wabenstruktur, die die Bienen aus eigenproduziertem Wachs errichten

Im Licht sind die Kammern besonders gut zu erkennen

Mit Schleier und Rauchbläser entnimmt Herr Kunzmann der Beute einen Rahmen

Die Bienenkönigin ist mit einem Farbpunkt auf dem Rücken markiert der Auskunft über ihr Alter gibt

Ein Rahmen mit zum Teil verdeckelten Waben

Bienen sammeln Wasser für die Herstellung von Futtersaft und um den Bienenkasten zu kühlen