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Nachgefragt beim technischen Spinnereileiter: „Man kann nur das mit den Händen umsetzen, was man im Kopf hat“

Herr Schuster, Sie sind Technischer Leiter bei Gebr. Otto. Eine Ihrer Aufgaben heißt Entwicklung. Wie entstehen eigentlich Neuentwicklungen, woher kommen Innovationen? 

Innovativ sein kann nur, wer sein Metier richtig gut kennt. Ich bin seit 48 Jahren bei Gebr. Otto, ich habe schon meine Lehre als Schlosser hier gemacht. Mein damaliger Chef ermöglichte es mir, auf das Textiltechnikum nach Reutlingen zu gehen. Nach so langer Zeit in einem Betrieb ist man genauso wie viele meiner Kollegen auch mit diesem Unternehmen ganz eng verwurzelt.

Heute bin ich Leiter der Spinnerei. In der Spinnerei bin ich für die Produktion, die Qualität und auch für die Entwicklung zuständig. Dabei kommt mir auf jeden Fall zugute, dass ich damals, als Lehrling „Alles“ machen musste; am Ende kann man nämlich nur das mit den Händen umsetzen, was man im Kopf hat. Auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten natürlich viel verändert hat, kenne ich die Spinnerei von der Pike auf. Was früher mechanisch lief, ist heute computergesteuert. An dieser Umrüstung war ich maßgeblich beteiligt, ich hatte schon immer ein Faible für Computer. Heute habe ich in meinem Büro einen Steuerstand wie in einem Kraftwerk.

 

Okay, das hätte ich nicht gedacht. Was läuft denn alles digital bei Gebr. Otto in der Spinnerei?

Alles! Ein gutes Beispiel ist die Qualitätsprüfung, die ist bei uns auf Langzeitprüfung angelegt. Wir sammeln alle Qualitätsdaten unserer Garne, in jedem Arbeitsschritt von der Faser bis zum Garn. Wir können dadurch viel mehr sichtbar machen als andere – oder machen mehr sichtbar. Wir kennen jeden Zentimeter unseres Garns! Sehen Sie, wenn die Baumwolle von der Ballenfräse über die Reinigungsanlagen zu den Karden läuft, definieren wir, was wir in den Fasern als störend empfinden, also Nissen, Schalen, Fremdfasern und so weiter. Dieses Schema wenden wir in jedem Arbeitsschritt an. Alle Prüfergebnisse wandern dann in eine Datenbank. Wir können garantieren, dass ein Kunde immer genau dasselbe Garn bekommt, weil wir unsere Langzeitmessungen haben, genau wissen, welche Qualität das Garn haben muss. Bei einem Naturprodukt ist das eine hohe Kunst; das kennen wir ja alle vom Wein, der ist nicht jedes Jahr gleich gut! 

 

Stimmt, beim Wein gibt es schon mal Ausreißer. Aber lassen Sie uns zu den Innovationen zurückkommen …  

Okay, das mit der Sachkenntnis habe ich ja schon gesagt. Wichtig ist auch, dass viele Kunden oder Maschinenlieferanten auf uns zukommen, weil sie einen Entwicklungspartner suchen. Bei Unis oder Textilfachinstituten ist das genauso. Natürlich haben wir im Haus auch eine Schlosserei, die sehr gut ausgestattet ist und eine Elektroabteilung. Die kümmern sich um alles, was anfällt, von der Turbine unseres eigenen Wasserkraftwerks bis zur Programmierung der Maschine. Das heißt, dass man auch mal eine vielversprechende Idee verfolgen kann, ohne von außerhalb Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei unserer Spinnstrickmaschine beispielsweise musste das Streckwerk für die langen Aramidfasern umgebaut werden. Also haben wir überlegt, ausprobiert und am Ende konnten wir die Maschine für die Aramidfaserproduktion selbst - ohne Hilfe des Maschinenherstellers - umbauen.

 

Wenn wir ehrlich sind, ist Innovation eine Riesenarbeit: Wir machen viele Projekte, da darf man den Aufwand nicht scheuen. Aber dafür lernt man so viel dabei. Jetzt ist Hanf gerade en vogue. Vor einigen Jahren kam Aramid dazu. Ich bin der Meinung, wenn man aus Baumwolle ein gutes Garn machen kann, geht das auch bei anderen Fasern. Ich würde behaupten, dass unser Aramid-Garn heute zu den besten auf dem Markt gehört.